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Der Körper der Sprache: Wenn afrikanische Poesie auf russische Sprachkunst trifft

von Stefanie Beckmann
(Öffentlichkeitsarbeit der Internationalen Gesellschaft für multimediale Kultur und europäische Kommunikation)

Die Türen im Theater Panda in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg blieben an diesem sehr heißen Vorsommerabend freundlich geöffnet bei anhaltend großer Offenheit des anwesenden Publikums. Das stadtsprachen Team rund um Martin Jankowski hatte am 14. Juni 2019 zwei Dichterinnen gleichberechtigt nebeneinander auf der Bühne performen lassen. Ein Ausdruck der Haltung dieser Berliner Literaturplattform zur Vielfalt der Sprachen in dieser Stadt.

Parataxe heißt das gedruckte stadtsprachen magazin, das eine Anthologie fremdsprachiger Poesie von in Berlin sich aufhaltenden Künstlerinnen enthält und das auch noch komplett übertragen in die deutsche Sprache. Jedes Gedicht steht für eine Sprache, alle stehen parataktisch, d.h. aufgereiht hintereinander.

Was alle Künstlerinnen im stadtsprachen Konglomerat zusammenhält, ist der Wunsch die eigenen Gedanken und Lebenswelten durch Sprache auszudrücken. [...]

Von der Üppigkeit afrikanischer Weiblichkeit zur Finesse russischsprachiger Avantgarde-Poesie der Metamoderne.

Dmitri Dragilew hatte als Vortragende seiner Gedichte auf Deutsch die Slawistin, Übersetzerin und Autorin Ruth Wynneken mitgebracht. Sprache ist bei diesen beiden Granden der russischsprachigen Kunstszene Berlins das Alpha und das Omega. Die Übertragung der komplexen Gedichte Dragilews sind eine wahre Herausforderung und so kam es, dass die eigentlich nur Vortragende seiner Gedichte, Ruth, in Vorbereitung auf die Lesung zur Übersetzerin wurde.

Die vielsprachigen Gedichte (neben Russisch, finden sich auch lettische, deutsche, englische und jiddische Versatzstücke), beinhalten eine reichhaltige und teilweise exotische Lexik. Sprachbilder kommen oft daher in Form einer besonderen Metapher: der verschachtelten Metapher der Metarealisten. Deren großartigster Protagonist war der Russe Aleksej Parschikow, zu dessen Freundeskreis der Sprachkünstler Dmitri Dragilew einst gehörte. In den Gedichten des zeitgenössischen Berliner Autors werden längst verschwundene Realitäten der Sowjetzeit mit heutiger Seinserfahrung verknüpft und klanglich zu Wortkunstwerken verarbeitet.

Angesichts dieser sprachlichen Komplexität spürt man das Entsetzen des Übersetzers, dessen Haupt-Aufgaben es ist, Sprachäquivalente zu finden und diese in einen Klangteppich zu wirken. Als Musiker hat Dmitri den Klangkörper seiner Sprachkunst im Blick, den Texten merkt man zudem deutlich seine Affinität zur Jazzmusik an.

Seine Gedichte entfachen im Kopf seiner Zuhörerinnen eine Bewegung, die von der ruhigen Haltung während des Gedichtvortrags unterstützt wird. Eine performative Art der Lesung findet hier auf eine ganz subtile Art statt, aber sie findet statt.

Was machen die Gedichte Dmitri Dragilews aus?

Das lyrische Ich steht vielleicht gar nicht so sehr im Zentrum der Gedichte, die einen vielbevölkerten, bunten Figurenkosmos beheimaten. Dabei stehen die gewählten Figuren, die teils aus Filmen, teils aus der klassischen russischen Literatur stammen oder sich aus anderen Quellen, die der vielgebildete Autor kennt, mit ihrer Intertextualität für eine Ebene dahinter: die Namen bilden quasi die Korridore zwischen den Realitäten.

Es bleibt noch zu sagen, dass auch Dmitri Dragilew mit seiner Poesie, integriert ist in den Kontext der russischen Welt. Die russische Literatur ist, wie Martin Jankowski darlegt, lebendig und einflussreich.

Zum Weiterlesen:

Städtische Ligaturen, Hochrothverlag, 2016
The International Alexey Parshchikov Literaturfestival DIRIGEABLE (AIRSHIP, LUFTSCHIFF)
ADVOCATES (AdvoCat's) OF SWING
elena dragilewa